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Von der Kindertagesstätte zum Familienzentrum

Im Newsletter von des Early Excellence-Zentrum für Kinder und ihre Familien e.V. in Berlin ist ein Beitrag der Leiterin unseres Kinderhauses St. Stefan und des Familienzentrums St. Stefan Anita Wallner-Dieterich erschienen, in dem sie die erfolgreiche Einführung des Early-Excellence-Konzeptes beschreibt:

 

Das Kinderhaus St.Stefan ist eine von sechs Pädagogischen Einrichtungen der Kirchengemeinde St. Elisabeth. Insgesamt werden 260 Kinder im Alter von 3 Monaten bis zu 14 Jahren betreut.

Die Einrichtungen der Kirchengemeinde sind sehr innovativ und die Ausrichtung der Betreuungsmöglichkeiten an den tatsächlichen Bedarfen der Familien stehen für alle Pädagogischen Einrichtungen schon immer im Vordergrund. Im Kinderhaus betreuen wir 70 Kinder im Alter von 10 Monaten bis zu 10 Jahren. Das Kinderhaus St. Stefan gehörte in Stuttgart zu den Ersten, die die Betreuung von Kindern unter zwei Jahren, Betreuungsbausteine und Teilzeithortplätze anbot. Häufig gingen wir dabei in Vorleistung und installierten Angebote in unserem Haus, bevor die Finanzierung und die personellen Ressourcen geschaffen waren. Unser Ziel war und ist es, Dinge zu bewegen und voran zu bringen.

Ab dem Jahr 2001 begannen wir gemeinsam mit einer wissenschaftlichen Begleitung ein Qualitätsmanagement in unserem Haus zu installieren. Im Rahmen dieser Arbeit formulierten wir unser pädagogisches Selbstverständnis und unsere Leitlinien, die seitdem als Grundlage unserer pädagogischen Arbeit dienen.

„Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Kind mit seinem Bedürfnis, die Welt zu begreifen und sie sich als aktiv handelndes Wesen zu erschließen."

So lautet die Grundaussage unseres pädagogischen Selbstverständnisses. Die Ausrichtung unserer Arbeit ist schon immer bestimmt von der Erkenntnis, dass das Kind sein Wissen über die Welt selbst konstruiert.

Dies spiegelt sich in unserer Haltung den Kindern gegenüber, in unserer Tagesstruktur und in der Gestaltung der Räume wider. Eine häufig gestellte Grundfrage in den Teamsitzungen lautet: „Planen wir mit den Kindern, oder sind wir schon wieder dabei für die Kinder zu planen?" Der Lernprozess vom Denken: "Der Erwachsene weiß was für das Kind gut ist!" hin zu: „Das Kind weiß, was es möchte und zeigt uns, in welche Richtung es sich entwickelt und wie wir es dabei unterstützen können!" braucht viel Zeit und muss immer wieder neu vom Team erarbeitet werden.

Die Öffnung der Gruppen schuf für die Kinder wesentlich mehr Raum zur Selbstbestimmung und die Rolle der Erwachsenen veränderte sich radikal. Die Erzieherin ist nicht mehr der Mittelpunkt einer Gruppe, in der sie weitestgehend das Geschehen bestimmt, sondern wird Teil einer großen Gemeinschaft. Den Kindern eröffnen sich eine Vielfalt von Möglichkeiten, sowohl in der Auswahl der Spielpartner und der Bezugspersonen, als auch in der Auswahl der Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Öffnung der Gruppen leitete einen Demokratisierungsprozess auf allen Ebenen des Kinderhauses ein.

Unser Bestreben ist es, unser Wissen über die kindliche Entwicklung zu erweitern und ein anteilnehmendes Verständnis der individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Kindes zu entwickeln. Dabei war für uns von Beginn an klar, dass wir dieses Verständnis nur mit Hilfe der Eltern erwerben können. Wir schaffen so, für die Kinder eine stimmige Kultur des Aufwachsens im Eltern- und Kinderhaus.

Der von uns bisher gegangene Weg führte konsequenter Weise zu der Entscheidung den Orientierungsplan Baden-Württemberg mit dem Konzept der Early Excellence Centres, in dessen Mittelpunkt der Positive Blick auf Kinder und ihre Familien steht, umzusetzen. Seit September 2007 wird das Konzept im Kinderhaus implementiert, dabei wurden wir für zwei Jahre von einer externen Prozessbegleitung unterstützt.

In dieser Zeit, setzten wir uns intensiv mit einzelnen Bausteinen des Konzeptes auseinander. Parallel dazu verständigten wir uns auf einen Wertekatalog und deklarierten diesen auf die Ebenen der Kinder, der Eltern und der Mitarbeiterinnen. Dieser Prozess diente dazu, uns unseren gemeinsamen Ausgangspunkt deutlich zu machen: „Welches Menschenbild liegt unserer Arbeit zu Grunde und bestimmt unsere Haltung?" Sich über diesen Punkt klar zu werden, erscheint mir eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Umsetzung von EEC. In der Diskussion und Einigung wird jede Einzelne als Person sichtbar und kann sicher sein, dass sie sich in den Grundlagen unserer pädagogischen Arbeit wieder findet. Dadurch ist die Motivation, sich mit dem Konzept auseinander zu setzen und die daraus gewonnen Erkenntnisse in der täglichen Arbeit umzusetzen, sehr hoch.

Die pädagogischen Strategien sind für uns sehr hilfreich, da sie sehr konkrete Haltungs- und Handlungsanweisungen darstellen, die sich gut zur Selbstreflexion eignen. Die einzelnen Strategien konnten wir uns nach und nach aneignen, wobei jeweils einzelne Strategien für eine gewisse Zeit im Focus standen. So war es zu Anfang „Abwarten in respektvoller Distanz", später als wir schon etwas fortgeschritten waren, stand für eine Weile: „Die Kinder ermutigen, angemessene Risiken einzugehen!" im Mittelpunkt. Außerdem konnten wir feststellen, dass es persönliche Lieblingsstrategien gibt und solche, die die Einzelne sich erarbeiten muss.

Das Beobachtungssystem stellte anfänglich ebenfalls eine große Herausforderung dar. Auch hier gab und gibt es Diskussionsbedarf. Aber wir können an diesem Punkt feststellen, dass der von uns benutzte von der Hochschule Esslingen überarbeitete Bogen, der Elemente aus den Lerngeschichten mit einbezieht, sehr gut sowohl für den Kindergartenbereich als auch für die Beobachtung von Hortkindern geeignet ist.

Wir konnten auch die mit uns kooperierende Grundschule davon überzeugen, den defizitär orientierten Bewertungsbogen für Vorschulkinder zu Gunsten eines an den Stärken orientierten Bogens, der ebenfalls Beobachtungselement aus den Lerngeschichten beinhaltet, aufzugeben. Das war ein großer Schritt auf dem Weg, den positiven Blick auf Kinder konsequent auf allen Ebenen anzuwenden.

Die Kinder fühlen sich in der Kita offensichtlich wohl, so die Rückmeldung unserer Projektbegleiterin, die uns einen halben Tag bei der Arbeit beobachtet hat. Das zeigte uns, dass wir auf dem Weg zum EEC ein ganzes Stück vorangekommen sind. Sie bestätigte uns, dass die Umsetzung der Strategien im Umgang mit den Kindern spür- und sichtbar ist. Dass ihr die hohe Sozialkompetenz unserer Kinder und deren offenes, kommunikatives Verhalten untereinander, zu den Erzieherinnen und ihr als Besucherin gegenüber sehr positiv aufgefallen sind. Außerdem habe sie festgestellt, dass die Kinder in der Kita auf sie einen sehr entspannten, selbstsicheren Eindruck machen.

Über alle Jahre hinweg ist uns sehr wichtig, durch die Gestaltung der Räume den Kindern ein breites Spektrum von Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Ihnen stehen ein gut ausgestattetes Atelier, eine Holzwerkstatt und ein durchdacht aufgebauter Musikbereich zur Verfügung. Weiterhin gibt es eine Schreibwerkstatt und einen Mathematikbereich. Die Geographieecke befindet sich im Aufbau, ebenso der Biographiebereich. Den Kindern wird regelmäßig die Möglichkeit geboten zu experimentieren. Im Hortbereich gibt es den Zirkustreff und seit kurzem ein Projekt zu „20 Jahre Kinderrechte".

Angebote die sich an Eltern und Kinder wenden, wie z.B. Landart oder Rahmenbau in der Holzwerkstatt sind für uns ebenso selbstverständlich, wie Angebote, die sich nur an Eltern richten. Hier können sie praktische Erfahrungen mit Inhalten aus unserer Arbeit machen, z.B. den Malort nach Arno Stern erleben oder eigene Erfahrungen auf der Hengstenbergbaustelle machen.

Dass sich jede Einzelne von uns sich beständig weiterbildet, ist für die Absicherung der Qualität unserer Arbeit notwendig. Dabei sind wir von den Ein-Tages- Fortbildungen immer mehr zu ein- bis zweijährigen berufsbegleitenden Weiterbildungen übergegangen.

Wir konnten feststellen, dass es Expertinnen braucht, um einzelne Bereiche mit viel Qualität aufzubauen. Gleichzeitig haben diese die Funktion der Beraterin innerhalb des Teams auf ihrem Spezialgebiet inne.

Zurzeit arbeiten im Kinderhaus St. Stefan eine Atelier- und Werkstattpädagogin, eine systemische Kinder und Jugendtherapeutin, ein Musiker, eine Schauspielerin und Theaterpädagogin sowie eine Spielpädagogin. Eine Kollegin macht im Moment eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erlebnispädagogin.

Um den Prozess vom Kinderhaus zum Familienzentrum fachlich kompetent begleiten zu können, hat die fürs Zentrum zuständige Kollegin den einjährigen Zertifikationslehrgang „Vom Kinder- zum Familienzentrum" besucht.

Vor zwei Jahren wurden die zusätzlichen Räume für das Familienzentrum eingeweiht.

Anfänglich waren wir sehr mit der Suche nach Kooperationspartnern beschäftigt. Dieser Bereich konnte zügig auf- und ausgebaut werden.

Während ihrer Ausbildung wurde der Mitarbeiterin im Familienzentrum bewusst, dass wir noch einmal einen Schritt zurückgehen und den Aufbau des Familienzentrums stärker im Kinderhaus verankern müssen. Damit erreichen wir, dass bei Kindern, Eltern und Erzieherinnen das Bewusstsein wächst, dass das Kinderhaus mit all seinen Bewohnern ein Teil des Familienzentrums ist. Diese Korrektur fühlt sich richtig und gut an: Es gelingt uns immer besser nierdrigschwellige Angebote wie die Suppenküche, Elternkaffee am Vormittag oder Babymassage ins Zentrum zu holen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass wir uns auf einem spannenden, häufig auch anstrengenden Weg befinden. Dass uns alle der Wille eine für Kinder anregende Umgebung zu schaffen eint. Wir wollen ihnen die Möglichkeit eröffnen, ihr Leben selbstbewusst, mit Kreativität, Phantasie und genügend Realismus ausgestattet in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Und sie ermutigen, ungewöhnliche Wege zu gehen.

An dieser Stelle bedanke ich mich noch bei der Heinz und Heide Dürr Stiftung, die uns mit ihrer großzügigen Spende auf dem Weg vom Kinderhaus zum Familienzentrum unterstützt.